Graue Aussichten? Farbenblinde sehen anders, nicht schlechter

Wer farbenblind ist, sieht die Welt nicht unbedingt ohne Farbe. Denn was der Volksmund unter farbenblind versteht, ist fast immer eine Sehschwäche für die Farben Rot und Grün. Den meisten Menschen fällt gar nicht erst auf, dass sie eine Rot-Grün-Schwäche haben. Unter Umständen kann eine Farbsehstörung sogar von Vorteil sein, das macht sich zum Beispiel das Militär zunutze. Für einige Berufe ist die Eigenschaft, Farben richtig zu unterscheiden, allerdings zwingend erforderlich. Auch deshalb ist es sinnvoll, sich bei Verdacht auf die Sehschwäche testen zu lassen.

So sehen wir Farben

Das menschliche Auge besitzt eine erstaunlich große Anzahl an Rezeptoren, die uns das Sehen überhaupt erst ermöglichen. Bis zu 130 Millionen von ihnen befinden sich auf engstem Raum. Sie werden durch Lichtwellen angeregt und leiten die Lichreize an das Gehirn weiter, das daraus ein fertiges Bild, einen Seheindruck erstellt. Zwei Arten von Rezeptoren teilen sich die Arbeit: Stäbchen und Zapfen. Der Anteil der Stäbchen an den Sehzellen ist mehr als 15-mal so groß wie der Anteil der Zapfen. Sie sind für das Hell-Dunkel-Sehen verantwortlich, nehmen also keine Farben wahr. Dafür sind die bis zu sieben Millionen Zapfen zuständig. Von ihnen gibt es wiederum drei Arten beim Menschen, die sich auf bestimmte Wellenlängen des Lichts spezialisiert haben. Das ermöglicht uns, die verschiedenen Farbtöne voneinander zu unterscheiden.

Farbenblindheit und Rot-Grün-Schwäche

Was allgemein als farbenblind verstanden wird, ist meist keine echte Farbenblindheit. Die gibt es zwar auch und hört auf den Fachbegriff Achromatopsie, ist aber wesentlich weniger weit verbreitet. Während etwa fünf Prozent der Bevölkerung eine Rot-Grün-Schwäche hat, ist von Achropatopsie lediglich einer von 100.000 Menschen betroffen.

Bei der echten Farbblindheit funktionieren die Zapfen, und damit die Fotorezeptoren für farbliches Sehen, nicht oder nicht richtig. Für diese Menschen ist die Welt tatsächlich grau. Hinzu kommen weitere Symptome – die Betroffenen sehen weniger scharf und sind so lichtempfindlich, dass sie schon von normalem Tageslich stark geblendet werden. Meistens tritt diese Sehstörung durch Vererbung auf. Seltener können aber auch Erkrankungen dazu führen, wie zum Beispiel ein Schlaganfall. Allerdings ist sie recht selten, in Deutschland sind nur einige tausend Fälle bekannt.

Bei der weit verbreiteten Rot-Grün-Schwäche fällt es den Sehgestörten hingegen lediglich schwer, die Farben Rot und Grün richtig zu sehen. Entweder sind die zuständigen Sehzellen unempfindlicher als bei Normalsichtigen, oder es sind weniger Rezeptoren vorhanden. Betroffen sind davon vor allem Männer, fast jeder Zehnte hat eine Farbsehschwäche. Bei Frauen ist nicht einmal ein Prozent betroffen.

Rot-Grün-Schwäche bei Piloten und Co.

Wer eine Rot-Grün-Schwäche hat, muss damit leben, denn eine Therapie gegen die Sehschwäche gibt es nicht. Im Alltag fällt den Betroffenen aber meist überhaupt nicht auf, dass ihr Sehen für bestimmte Farben schwächer ausfällt. Untersuchungen zufolge haben sie sogar die gleiche Ästhetik für Farben wie Normalsichtige.

Allerdings ist es für einige Berufe wichtig, dass Farben richtig erkannt werden, und ausgerechnet Rot und Grün gelten als wichtige Signalfarben, zum Beispiel im Straßenverkehr. Diese Berufe können bei gestörtem Farbsehen nicht oder nur eingeschränkt ausgeübt werden. Deshalb ist für sie ein Sehtest notwendig, bei dem unter anderem das Farbsehen untersucht wird. Das ist beispielsweise für Polizisten, Piloten und Busfahrer der Fall. Durch den Test kann ein Augenarzt die Sehschwäche zweifelsfrei bestimmen oder ausschliessen.

Wann eine Farbsehschwäche zum Vorteil wird

Auch wenn mit einer Rot-Grün-Schwäche Einschränkungen assoziiert werden, sie bringt durchaus auch Vorteile mit sich. Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Menschen, bei denen die Farbsehschwäche vorliegt, stattdessen Brauntöne wesentlich besser unterscheiden können. Sie erkennen in diesemFarbspektrum deutlich mehr Farben als Nichtbetroffene. Dinge, die für Normalsichtige nicht oder kaum zu sehen sind, werden von ihnen mit Leichtigkeit erkannt. Vermutlich kam das unseren Vorfahren bei der Jagd zugute. Aber auch heute machen sich Militärs die Eigenschaft zunutze, denn Tarnfarben bewegen sich in einem ähnlichen Farbraum. Menschen mit Farbsehschwäche können eine Tarnung also unter Umständen schneller auffliegen lassen.